Moritat über ein Unglück

Nicht nur bestimmte Personen oder Berufsgruppen wurden in den Moritaten besungen. In einer Zeit, in der Nachrichten bereits in Zeitung veröffentlicht wurden, aber nicht alle Menschen in der Schule lesen gelernt hatten, war man noch sehr auf die Verbreitung von Neuigkeiten durch die Bänkelsänger angewiesen.

Grubenunglück in Dortmund

1925 gab es durch den Austritt von Grubengas und eine Kohlenstaubexplosion ein Grubenunglück in der Zeche Minister Stein in Dortmund. Dabei starben 136 Menschen.

Bereits in der ersten Strophe des Lieds wird die Zahl der Opfer auf 236 erhöht – Fake-News gab es also bereits damals. In der zweiten Strophe wird auf das Alltagsleben der Grubenleute eingegangen, aber auch schon das Unglück angekündigt. In der dritten Strophe wird der Grund für das Unglück – schlagende Wetter – genannt. Die vierte Strophe erzählt vom Schicksal der Hinterbliebenen: Eine Frau wartet auf ihren Sohn, vor zwei Jahren hatte sie bereits ihren Mann verloren. Die fünfte Strophe beschreibt ein verzweifeltes Mädchen, das innerhalb von zwei Tagen Vollwaise wurde. In der letzten Strophe wird dem Lied Authentizität verliehen. Es wird nach dem Urheber des Liedes gefragt, die Antwort ist: „Es waren ja zwei Bergmannsjungen, die haben das Unglück mitgemacht.“

Somit war für die Zuhörer klar, dass alles stimmen muss, was der Bänkelsänger ihnen vorgetragen hatte.