Sie war ein Mädchen voller Güte

In den verschiedenen Küchen- oder Bänkelliedern und Moritaten geht es um Schicksale von Menschen. Meist sind Frauen die Hauptpersonen der Lieder. Schließlich waren es auch die Frauen in den damals typischen Frauenberufen, die diese Lieder sangen. Wer das Lied nicht kannte, konnte spätestens beim zweiten Kehrreim, dem Refrain, mitsingen.

Verlorene Unschuld

In dem Lied „Sie war ein Mädchen voller Güte“ wird der Werdegang einer jungen Frau beschrieben. In der heutigen Zeit kommt sie uns sehr naiv vor. Zunächst wird ihr Charakter beschrieben, lieb und naschhaft. Sie wird von „jungen Herrn“ umworben. Der Refrain zeigt, dass sie in der Fremde ist, denn sie fragt sich: „Heimat, wann werde ich dich wiedersehen?“

Sie wird zu einem Maskenball eingeladen. Sie geht mit „einem Hauptmann von der Garde“ dorthin, wird müde vom Tanzen und legt sich auf ein Bett. Die nächsten beiden Zeilen zeigen dann ihre persönliche Katastrophe: Ihr Begleiter „raubt ihr die Unschuld weg“. Der Refrain danach wirkt wie ein hilfloser Aufschrei.

Sozialer Absturz

Sie denkt an Selbstmord und wird von dem Hauptmann verhöhnt: „Mit dem Ertrinken musst du warten, bis dass die Wasser offen sind.“ Wieder folgt der Refrain.

Sie geht zurück in ihre Heimat, bringt dort das Kind zur Welt, das ohne Vater aufwächst. In der damaligen Zeit war dies auch der Super-Gau für eine junge Frau – mit Kind, aber unverheiratet war der Abstieg in Armut vorprogrammiert. Der Refrain, der sich nach der letzten Strophe in „Heimat, so mussten wir uns wiedersehen“ ändert, deutet ihre Aufgabe an.

Über das Lied

Autor und Komponist des Liedes sind unbekannt. Es ist ein Soldatenlied, da der Antagonist der „Hauptmann von der Garde“ ist, der ihr Vertrauen aufs Gröbste missbraucht. Das Lied stammt aus der Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918). Es ist ein typisches Lied für diese Zeit. Viele Aspekte, die die Menschen damals bewegten, kommen hier zum Tragen:

Die Menschen, die vom Land in die Stadt gehen mussten, um sich Arbeit zu suchen, und in der anderen Umgebung nicht zurechtkamen und schließlich zurück in ihre Dörfer gingen, in die sie reich und anerkannt zurückkehren wollten, aber meist in Unehre aufgenommen wurden.

Die Soldaten, die einen gewissen Stand in der Gesellschaft der damaligen Zeit hatten, sich aber nicht immer standesgemäß benahmen.

Die Not vieler Frauen, die unverheiratet und mittellos schwanger wurden und häufig von niemandem unterstützt wurden.

Dies alles waren Themen, die die Menschen am Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten.